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Eckhard Bär

Ausbildungsfrage flüchtig?

Ausgearbeiteter Vortrag aus Anlass der Gründung des PSYCHOANALYTISCHEN KOLLEGS 2003/2004

Zunächst einmal möchte ich mich bei Ihnen bedanken, dass sie mich eingeladen haben und mir so die Möglichkeit geben, über die reichhaltigen Themen, die Lohengrin dem Psychoanalytiker bietet, zu sprechen.

Wenn Psychoanalytiker, die seit längerem praktizieren und lehren, bereit sind einen konkreten Rahmen zur Weitergabe der Psychoanalyse zu setzen und zu verantworten, in dem die Bildung von Analytikern konkret stattfinden kann, kann es anders werden als bisher: Einzelne finden ihren Weg irgendwie oder auch nicht. Es würde denen, die „Wege zum Analysieren“ suchen, ermöglichen sich in einen solchen Rahmen einzuschreiben und ihren Weg finden zu können.

Von Hinrich Lühmann stammt die Feststellung, die Ausbildungsfrage sei flüchtig, seit langer Zeit immer wieder gestellt, sei sie von einem „Nur nicht handeln wollen“ durchzogen. Dieses „Vermeidungshandeln“ führte dazu, dass kein verbindlicher symbolischer Akt einer Einschreibung stattfand, welcher die Bildung des Analytikers wirklich weiter getrieben hätte.

Meine Ausgangsthese:

Ein Autorisierungsproblem der Psychoanalytiker liegt der Schwierigkeit, die Verantwortung für eine konkrete Durchführung der Bildung des Psychoanalytikers zu übernehmen, zu Grunde. Es hat dieselbe Struktur wie das Problem der Autorisierung zum Psychoanalytiker.

Der Schritt der Autorisierung zum Analytiker setzt voraus, dass das Phantasma, es gäbe ein bestimmtes Wissen, welches vor der Begegnung mit dem Anderen, mit dem Unbewussten, schützen könnte, aufgegeben werden kann. Es geht um das Phantasma, man benötige erst ein bestimmtes perfektioniertes Wissen, um die Position des Analytikers einnehmen und halten zu können. Der Verzicht auf diese Phantasie kann die Bereitschaft hervorbringen, sich der Arbeit der Sprache des Unbewussten zu überlassen und auszusetzen, und zwar besonders dann, wenn man durch einen anderen mit einem Anspruch nach Analyse konfrontiert wird, denn da reicht kein vorgängiges Wissen hin.

Bei jedem symbolischen Akt finden die Überschreitungen und die Einschreibungen in der Struktur des ödipalen Registers statt. In Analysen, in denen sich für einen Analysanten die Frage der Autorisierung stellt, geht es um die Einnahme des logischen Platzes, an den man seinen Analytiker gesetzt hat. Es geht dabei um einen Mord im imaginären und im symbolischen Register, angetrieben und abgestoßen von den mit dem Analytiker verbundenen Identifizierungen. Um eine Autorisierung, die den Charakter einer Überschreitung hat, vollziehen zu können, muss das Mordbegehren gegenüber demjenigen, an den man durch Übertragung, durch Dankbarkeit und Liebe und durch Rivalität und Hass gebunden ist, angenommen werden.

Meine These ist:

Dieser Konflikt, der bei der Autorisierung zum Analytiker besteht, kann wieder virulent werden, wenn Analytiker vor die Frage gestellt werden, zum Analytiker auszubilden. Dann stehen sie noch einmal vor der Frage: Wieweit ist die Übertragung zum eigenen Analytiker und Lehrer gelöst? Wieweit ist man unbewusst in Identifizierungen mit der Position des Analysanten, die sie einmal waren, und damit im Problem der Autorisierung verfangen. Die Bildung des Analytikers stellt in besonderer Weise die Frage nach der Auflösung und der Unlösbarkeit der Übertragung (s.u.). –

Gerade das Ungelöste dieser Konflikte hat m. E. dazu geführt, dass die bisherigen Gesprächs- und Arbeitskreise zur Frage der Bildung des Analytikers von der Bewegung getragen wurden, darüber ein Wissen zu erzeugen, anstatt eine Praxis zu etablieren, die neue Generation möglich macht.

Warum also zieht das Thema der Bildung des Analytikers einerseits so und läuft andererseits derart rund? Hängt das damit zusammen, dass das Werden, die Existenz, des Analytikers, eine Bildung des Ubw ist? Ihr Ursprung ist untrennbar mit der Übertragung, mit der schwierigen Topologie der Innen-Acht, verbunden, mit der Lacan das Verhältnis von Identifizierung und Übertragung bestimmt. Wie Lacan im Sem. XI sagt, sind Analysant und Analytiker gleichermaßen in einem einzigen Zug in der Übertragung eingeschlossen. In Bezug auf die AGBA und die Frage der Bildung des Analytikers ist es, im Sinne dieses Satzes von Lacan, einerseits durchaus folgerichtig gemeinsam mit „allen Interessierten“ zusammen zu arbeiten, andererseits aber führt die Nichtunterscheidung der verschiedenen Positionen dazu, dass die fruchtbare Potenz der Übertragung für diese Bildung verloren geht.

Psychoanalyse und Demokratie?

Vielmehr ist die Praxis der Psychoanalyse – auch die Bildung (Formation) des Analytikers – die Praxis einer diskursiven Kunst, welche die Verantwortung des Psychoanalytikers für diese Praxis fordert. Er kann die Verantwortung nur wahrnehmen, wenn seine Akte die notwendigen Engführungen ermöglichen, in denen sich das Begehren umsetzen und anerkennen kann. Dies fordert ein diskursives Können, und seine „ignorantia docta“ heraus, denn er hat nur eine beschränkte Macht, die gerade so weit reicht, wie das Subjekt in der Anerkennung des Unbewussten folgen kann. Jede Psychoanalyse ist das Wagnis eines Versuchs, von dem man nicht weiß, wie er ausgehen wird, ohne eine Garantie zu haben, muss der Psychoanalytiker dieses Wagnis immer wieder verAntworten. Genau da steht er allein, dies kann ihm letztlich keine Analyse, Kontrollanalyse oder AusBildung abnehmen. Es ist eine Einsamkeit, die auch konstitutiv für die Wirksamkeit seiner Akte ist.

In der Praxis der Analyse schwierig genug, stellt die Bildung des Analytikers besondere Anforderungen, wenn mehrere daran beteiligt sind.

Gemeinsame Differenzen

Man kann gemeinsam an Fragen arbeiten, aber die Bildung des Analytikers ist eine Praxis der Psychoanalyse, in der Gemeinsamkeit nach dem Motto „Wir sind alle gleiche, es gibt keine verschiedenen Plätze“ eine Illusion ist. Wir gehen fehl, wenn wir bei den Wegen zum Analysieren nicht unterscheiden:

- zwischen denen, die nach diesen Wegen suchen und noch keine Psychoanalyse gemacht haben, was heißt, dass sie nach einer Analyse für sich suchen,
- zwischen denen, die eine machen und an irgendeinem Punkt auf ihrem Weg mit der Analyse vor der Frage „des Analytiker werden“ stehen. D.h., dass sie noch keine sind, dass sie aus einem ubw Widerstand heraus – und sei es in ihrer eigenen Analyse – nicht die Passage zu einer analysierenden Übertragung machen konnten,
- zwischen denen, die eine Analyse machen und während dessen eine Passage dahingehend vollzogen haben, dass sie versuchen, für jemand anderen die Position des Analytikers einzunehmen oder zu halten,
- zwischen denen, die diese Passage gemacht haben, ihre Analyse beenden konnten und auch danach als Analytiker mit der Überzeugung von der Existenz des Ubw wirksam sind, weiterarbeiten und darauf setzen, dass sich bei denen, denen sie zuhören, eine analysierende Übertragung instituiert, die also die Wette der Weitergabe der Psa. eingehen,
- und zwischen denen, die als Analytiker wirksam sind und Analysen so geführt haben, dass sich die Übertragung so ausrichten konnte, dass sie neue Bildungen des Ubw, neue Psychoanalytiker hervorgebracht haben.

In Hinsicht auf die Strukturierung der Bildung des Analytikers hat eine solche Differenzierung für die zuvor genannten Gruppen Konsequenzen. Wenn die Analytiker in der AGBA diese Verschiedenheiten nicht berücksichtigen, so fehlen sie. Wenn sie ihr savoir-faire, welches sie im Durchgang der zuvor skizzierten Passagen gewonnen haben, nicht anerkennen, formulieren und für die Bildung des Analytikers wirksam werden lassen, hat es für diese nachteilige Effekte. Sie stützen dadurch implizit die Illusion, die Bildung des Analytikers wäre durch ein Wissen i. S. des pädagogischen Diskurses lehr- und lernbar. (2)

Die Bindung von Wissen und Übertragung

Es geht bei der BA um das Verhältnis und um die Bindung von Wissen und Übertragung. „Demjenigen, dem ich Wissen unterstelle, den liebe ich“ sagt Lacan. Und „wenn Ihnen das Ihre reicht, werden Sie sich von mir lösen können“. Um welches Wissen geht es? Wer ist nicht der Faszination des Wissens erlegen?

Vielleicht ist die Faszination der Knotenpunkt, der ermöglicht, die verschiedenen Weisen, in denen das Wissen als Übertragung (3) funktioniert zu begreifen. Ich gehe davon aus, dass Liebe eine Bindung an das Wissen ist, der unverkennbar der Charakter des Fasziniert-Seins zukommt. Letztlich geht es um das „Wissen vom Objekt“, Objekt der Psychoanalyse. Das Wissen versucht das Objekt einzuschließen. D.h. auch, dass das Wissen in seinen jeweiligen Konkretionen in diesen Bindungen wie ein Phantasma funktionieren kann. Wenn ich es richtig begriffen habe, verstellt das Phantasma das verlorene Objekt und überdeckt damit die Kastration wie ein Schirm.

Von Knotenpunkt spreche ich, weil das Phänomen der Faszination selbst präzise auf den gerade benannten Zusammenhang der Kastration hinweist. Das Faszinosum ist in den antiken Mysterien ein übergroßer glänzender schwarzer Phallus, der in der Villa Pompeji je nach Epoche nur den Frauen (in anderen Epochen den Männern) zugänglich war und vom Dämon der Scham (zugleich ent- und) verhüllt wurde. Faszination bezeichnet das Erstarren des Blicks im Moment der Ent- (und Ver-) Hüllung. In seiner Etymologie ist es mit fascis: Rute, Rutenbündel, Faschist verwandt; und andererseits mit ficken, schlagen, Geschlecht verbunden.

Ich frage: Funktioniert der Gebrauch des Wissens nicht gemäß einer ähnlichen Logik, wie sie der begrifflichen Unterscheidung von Phi und phi/ - phi zugrunde liegt? – Wie hat das Begehren in einer Psychoanalyse die beiden Seiten der Bedeutung des Phallus, des Geschlechts, des Geschlechtsverhältnisses und seine Unmöglichkeit durchquert, auf welcher Seite Geschlechts, des Graphen der Sexuation schreibt sich jemand ein? Welchem Verhältnis zu –phi entspricht welches Verhältnis zum Ubw? Was bedeutet dies für die BA?

Das mag zunächst befremdend klingen, aber wenn gilt, dass die Psychoanalyse die Analyse der Übertragung ist, stellt sich damit für die Bildung des Ubw und des Analytikers folgende Frage: Welche Passage, welche Passion und welche Autorisierung, aber auch welche Vermeidung gibt es durch jenes Wissen, das fasziniert?

Entidealisierung und Desupponierung des Analytikers

Dies ist für das Ende einer Analyse insofern ein wichtiger Punkt, als es mit einer notwendigen Desupponierung einhergeht, in der der Analytiker „fallengelassen“ wird wie eines der Objekte a (Abjekt?). Diese Desupponierung ist notwendig, um sich als Analytiker autorisieren und erklären, ja authentifizieren4 zu können. Dabei muss eine Entidealisierung stattfinden, die eine Trennung von dem Ideal, an dem man klebt, möglich werden lässt. Dies wäre bei einer „Lehranalyse“ zu erreichen, und m. E. ist jede Psychoanalyse, die eine war, eine Lehranalyse in dem Sinne, dass es nur eine Psychoanalyse gibt. Sie kann unterschiedlich weit geführt haben. Jede Analyse hat das Ziel einer analysierenden Übertragung in dem Sinne, in dem Freud von der Fähigkeit der Kommunikation mit dem eigenen Ubw als einem Ziel der Psa spricht. Die Entidealisierung scheint mir Voraussetzung für die Lösung der Übertragung zu dem eigenen Analytiker zu sein, aber auch die Voraussetzung dafür, dass sich in den Analysen, die dann selbst verantwortet werden, das Begehren des Analytikers soweit realisieren kann, dass seine Beweglichkeit ihm und seinen Analysanten ermöglicht, aus den identifizierenden Einschlüssen, in die die Übertragung immer wieder hinein führen kann, herauszukommen.

Die Lösung der Übertragung?

Es ist eine für die Weitergabe der Psychoanalyse eminent wichtige Frage: Wie kann das gehen? Ist das überhaupt möglich? Denn dadurch, dass man sich, in welcher Form auch immer, von jemandem abwendet, ist die Übertragung noch nicht aufgelöst. Die folgenden Passagen beziehen sich im Sinne meiner einleitend formulierten These auf nicht aufgelöste imaginäre Übertragungsreste und berücksichtigen weniger die Transformationen der symbolischen Seite der Übertragung.

So wie die Übertragung bereits vor der Aufnahme einer Analyse bestehen kann, kann sie, auch wenn keine Sitzungen mehr durchgeführt werden, weiterleben, und zwar solange noch irgendwelche „positiven Gefühle oder Ressentiments gegenüber dem Analytiker bestehen. Von Auflösung der Übertragung in diesem Sinne könnte man vielleicht sprechen, wenn sich gegenüber jemandem eine weit gehende Indifferenz als dem dritten Bezug zum Objekt, neben dem der Liebe und des Hasses, einstellt, von dem Freud in Triebe und Triebschicksale spricht. Hinsichtlich dieser Frage würde es sich lohnen, neben den konkreten eigenen Analysen, die wir gemacht haben, neben den Analysen, die wir führen bzw. geführt haben, den Bedingungen nachzugehen, unter denen sich Lieben, Liebes- und Hassverhältnisse auflösen.

Dabei kann es, nach einer Zeit der Trauer oder einer Zeit des inneren Jubels über die Befreiung von dem Joch eines Ideals, durchaus etwas geben, das einer Indifferenz des emotionalen Bezugs zum Objekt nahe kommt, ohne, und dies ist entscheidend, dass dabei unterschlagen wird, wofür es einmal für einen selbst gezählt hat5. Letzteres hätte die Qualität einer Verdrängung, mit der man sich von seinem eigenen Begehren abschneiden würde. Man würde sich um das Fruchtbare der erlebten und erlittenen Erfahrung in Hinblick auf das bringen, was davon einmal gewesen sein wird. Wenn die erlebte und erlittene Erfahrung nicht durch einen Trauerprozess hindurch im Hegelschen Sinne aufgehoben würde, würde man sich die Möglichkeit einer eigenen Zukunft rauben; insoweit man mit seinem Begehren in der verleugneten oder verdrängten Objektrepräsentanz verhaftet bliebe, würde eine Wiederholung notwendig und im Realen wahrscheinlich.

Das bedeutet auch, dass man eine Liebe oder eine Begegnung, die für einen gezählt hat und sei sie auch hasserfüllt gewesen, nicht wirklich vergessen kann. Was man im Hindurchgehen durch eine Trauer, als einer Zeit zum Begreifen, erreichen kann, ist, dass die Erinnerungen daran nicht mehr wie die Reminiszenzen der Hysterika, von denen Freud und Breuer sprechen, nicht mehr traumatisch i. S. des Wiederholungszwangs wirken. Ich gehe davon aus, dass die Trauerarbeit, die Freud in Trauer und Melancholie beschreibt – die Anerkennung des Todes, dass das geliebte Objekt in der Realität nicht mehr existiert – dem psychischen Akt einer Tötung gleichkommt. Ich glaube nur so, in einer Zeit schmerzlichen Durcharbeitens, kann „die Zeit Wunden heilen“ und nicht als solche an sich..

Kann man auf diese Weise auch das Problem der Lösung der Übertragung in der Psychoanalyse begreifen? Dieses stellt sich zu dem (oder zu den) eigenen Analytiker(n) und Lehrern und zu den Analysanten. Ich denke die eigene Analyse steht den Effekten einer Liebe zu jemandem, der für einen gezählt hat, in nichts nach. Im Gegenteil, da sie einen zum Intimsten seiner selbst führt, wirkt sie in einer Dimension, die den fundamentalen Beziehungen zu Mutter, Vater und Geschwistern wie jede tiefgreifende Liebe gleichkommt. Vielleicht wirkt sie im Sinne der Bindung und des Bandes noch viel stärker, wenn sie einem ermöglicht, diese Beziehungen, d.h. ihre Repräsentanzen (und Repräsentanten) zu strukturieren, indem sie aus deren psychischen Abhängigkeiten und identifizierenden Einschlüssen befreit.

Woher kommt das Gefühl der Dankbarkeit oder Wertschätzung, die denen gegenüber empfunden wird, die uns bei unserer Suche nach einem lebbaren Weg begleitet, gehalten und ertragen haben, von der ich verschiedene Kollegen, auch noch nach langer Zeit, in Bezug auf ihre Analytiker implizit oder explizit sprechen hörte? Es scheint sich um Abkömmlinge einer bestehenden Identifizierung mit einer fundamentalen Elternrepräsentanz, in der wir gegründet sind, zu handeln, die diese Dankbarkeit, aber auch Ambivalenz hervorrufen kann. Eine Ambivalenz empfinden wir manchmal ihnen und, wegen des identifikatorischen Mechanismus, uns selbst gegenüber.

Als Ausgang der Identifizierung erscheint manchmal ein verdeckter, stiller Hass, der als melancholische Form des Sich-Übel-Nehmen, als Klage gegen sich gewendet wird. Eine andere Form ist eine uneingestandene Rivalität, die sich unbemerkt oder demonstrativ in agierten Formen vom Analytiker, von dem, was er/sie vertreten, wofür er/sie gestanden hat, abzusetzen versucht. Dies ist allerdings bei tatsächlich beendeten Analysen selten der Fall. Auch ein gewisses Epigonentum kann der Ausgang der Identifizierung sein, das eher wiederkäut, als dass es die Identifizierung, das Ideal verrät, aufgibt, um sich zu authentifizieren. Ist aber nicht gerade das Hervorbringen von neuen Bildungen ein Zeichen dafür, dass etwas Ererbtes erworben wurde?

In all diesen Formen scheint ein mehr oder weniger verdeckter Hass als Kehrseite der Liebe zu siedeln. Am stärksten wirken Hass und Liebe da, wo ihre Verwobenheit zur Fixierung an ein Ideal, zur Qual eines Genießens verurteilt, mit dem man sich für diese Identifizierung bis zur Erschöpfung abmüht, ohne es je zu erreichen. Wahrscheinlich liegen in den jeweils verschiedenen Übertragungsschicksalen auch die Gründe dafür, dass nicht jeder Analytiker unbedingt dazu beitragen will, neue Generationen von Analytikern zu zeugen. Ein Bonmot von Karl-Josef Pazzini aufgreifend (siehe Anm. 6), könnte man paraphrasierend sagen, dass jene vielleicht lieber „Zeugen suchen“. – Aber wofür, für welches Verbrechen klagen sie an?6 Will ich wirklich, was ich begehre, d.h. mit allen Konsequenzen, könnte auch in diesem Zusammenhang der Konflikt sein. (7)

Was bleibt?

Welche „Väter/Mütter“ müssen wir noch umbringen? Im Sinne der Struktur ist ein Analytiker sicher kein Vater, keine Mutter, im Sinne der Identifizierung und Idealisierung vielleicht. –

Wie lassen sich Freundschaft und Verbrechen vereinbaren? das ist die Frage! Wie können die Brüderhorden funktionieren, ist eine andere Frage. Ja vielleicht braucht es dafür Regeln, gerade, weil das Ganze kein Spiel ist. Ich schlage Folgendes vor:

Ich denke es geht darum, für unsere Übertragungen aufeinander, für die Achtung, die Liebe, für die Aggressivität und Konkurrenz, die wir einander zollen, für das Begehren nach Anerkennung und den damit verbundenen Narzißmen, Formen zu finden, die möglichst wenig verhindern, dass das Besondere für die Gemeinschaft fruchtbar werden kann. Ich glaube, dass Querelen und Animositäten des Miteinander stärker von Übertragungen bestimmt sind, als wir uns oft eingestehen möchten. Andererseits kann es fruchtbar sein, die Querelen auch in der konkreten Form als theoretische Fragen der Psychoanalyse ernst zu nehmen und in der institutionellen Arbeit zur Sprache zu bringen, statt sie im Nebenbei oder im taktisch-strategischen Agieren auszutragen. Schon die Frage, wie wir jemanden hören, lesen oder wahrnehmen unterliegt immer der beiderseitigen, reziproken Übertragung.

Die Psychoanalyse steht und fällt mit der Möglichkeit bzw. Unmöglichkeit, offen und das heißt auch untaktisch zu sprechen. In diesem Sinne sollte es eine bestimmte Kultur geben, die den Umgang miteinander betrifft. Das fruchtbare Moment liegt darin, neues über sich auch dadurch erfahren zu können, dass man von anderen gehört wird und durch diese wieder über Teile seines Sagens Kenntnis erhalten kann. Insofern setzt ein offenes Sprechen die Verantwortung des anderen für ein offenes Antworten voraus. Niemand sollte über das, was er von anderen oder jemanden gehört oder wahrgenommen hat, in urteilender Weise schließen, bevor er diesen oder diesem nicht direkt die Möglichkeit gibt, auf das zu antworten, was ihn Anstoß nehmen ließ.

Neben der Strenge, die die Einzelnen auf sich nehmen, ist eine der wichtigsten Fragen im Bereich der Psychoanalyse, welche institutionellen Formen und Kulturen eine Transformation der Übertragungen in der Arbeit möglich erhalten. Die Frage ist, inwieweit der Begriff der Übertragung, der von Lacan herausgearbeitet wurde, auch in institutionellen Zusammenhängen, in dem Spannungsfeld von Massenpsychologie und Ich-Analyse, ernst genommen wird.


(1) Vortrag zur Mitgliederversammlung der FLG in Berlin am 9.1.2000.

(2) Stéfane Thibierge formuliert es so: „Die Psa. ist ganz unsymmetrisch. Das ist eine Frage von Struktur... Die Beziehung zur Sprache ist nicht demokratisch. ... Wir haben keine Wahl,... vielleicht ein bisschen Spielraum. Wenn wir die Psa. ausüben wollen, müssen wir ermöglichen, dass der Ort des Anderen vom Subjekt artikuliert wird... Die Beziehung zum großen Anderen ist nicht symmetrisch.... Die Psa. ist „demokratisch“ nur in dem Sinne: Du glaubst, du bist so wichtig, aber du kannst durch eine Psa. lernen, was du in der Tat bist... Es ist immer der andere, der ... zeigt, an welchen Punkt ich gekommen bin... Der Psa. muss immer wieder zeigen, dass es nicht symmetrisch ist... Durch die Psa. wird ein Spiegel hingelegt (gekippt), das Subjekt kann entdecken, was für ein Objekt es am Ort des Anderen ist.
Die Frage nach dem Platz des Analytikers: Es gibt immer Versuche des Patienten, diese Situation auf eine imaginäre Ebene zu ziehen... das ist der Versuch des Neurotikers: die Orientierung im Bild zu finden. Wir glauben der Psa. ist eine Person, das ist er nicht... Der Andere existiert als Ort, aber er ist leer, ... das ist schwer zu ertragen...
Wenn eine Menge (Gruppe/Masse) gegründet wird, kann plötzlich alles passieren.. Wir Psychoanalytiker müssen darüber...mit der Logik und nicht mit Gefühlen nachdenken (was gut und schlecht ist weiss man schnell). Leute die Logik gebrauchen sind gehasst, denn das ist schwer erträglich, ist aber das einzige was man tun kann. Was soll die Logik offen lassen: die Dimension vom Verlust und die Frage, die dieser Verlust uns von dem anderen schickt... Dies, ein Offen-werden, ist nur möglich durch Übertragung...“
Zusammenfassung einiger Notizen des Wochenendeseminars 7.und 8. Dezember in Kassel.

(3) Ich arbeite nach wie vor mit dem Freudschen Satz: Übertragung, das ist Liebe und sehe mich durch die vorstehenden Referenzen und durch die hainamoration, von der Lacan spricht, darin und in der Formulierung Wissen als Übertragung gestützt. (zu Faszination siehe auch: Freud, Massenpsychologie und Ichanalyse, Verliebtheit und Hypnose)

(4) K.-J. Pazzini hat darauf hingewiesen, dass authentisch verbunden ist mit authenteo, das im gr. eigenmächtig handeln heißt, dass der Authentes im gr. der Mörder und im übertragenen Sinne der Gewalthaber ist, der von eigener Hand und in eigener Verantwortung etwas ausführt. Autos ist selbst und der zweite Wortteil hat dieselbe Wurzel wie Sin/ Sünde, d.h. auch schädlich, sträflich. „Wären wir also Freunde des Verbrechens? Ein Unterschied fällt auf: Wir suchen Zeugen.“

(5) Siehe hierzu J. D. Nasio, Der Schmerz in der Trauer, Interview mit Thorberg Foss, Fragmente, Bd. 26, S. 143ff.

(6) Betrachtungen über psychogene Sterilität, sowie über Verbrechen aus Schuldgefühl könnten von hier ausgehend angestellt werden.

(7) Ein wichtiger Punkt für die Bildung des Analytikers ist, dass häufig Analysanten, die fest davon überzeugt waren, selbst Analytiker werden zu wollen, diesen Wunsch wieder aufgeben wollen, wenn sie dann tatsächlich auf jemanden in der Praxis treffen und vor der Frage stehen, kann ich es ertragen, als Analytiker das Objekt klein a für meinen Analysanten zu repräsentieren.


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