Eckhard Baer texte und vortraege Details

Eckhard Bär

Sucht und Abhängigkeit

Vortrag, gehalten zum Arbeitswochenende des Psychoanalytischen Kolleg, 2005 in Berlin.

Bei dem folgenden handelt es sich um eine Arbeit über die ich schon in einem anderen mehr Sucht orientierten Zusammenhang gesprochen habe, doch scheint sie mir auch für die uns im Kolleg interessierenden Fragen wichtig. Ich möchte damit beginnen, Ihnen einige Überlegungen zum Verständnis von Sucht und Abhängigkeit vorzutragen, mich anschließend mit den psychischen Hintergründen der Sucht auseinandersetzen, um dann einiges davon an einer Lebensgeschichte zu erläutern. Ferner werde ich einige Überlegungen zum Problem der Sucht in psychoanalytischen Behandlungen vornehmen.

Ich treffe seit vielen Jahren in der Suchtberatung und Suchtbehandlung Menschen, die Probleme mit so genannten legalen Suchtmitteln, in erster Linie mit Alkohol, Medikamenten und Glücksspiel, und manchmal sekundär auch Probleme mit Drogen, Arbeiten, Kaufen, Essen oder Erbrechen haben. Hinter diesen manifesten, meist über lange Zeit bereits chronifizierten Symptomen, tauchen in den Behandlungen alle erdenklichen psychischen Konflikte und meist schwere Symptome auf, wie sie auch anderweitig bekannt sind. Die Behandlungen werden in der Regel als Gruppenbehandlungen durchgeführt. () Angesichts der Schwere der Symptomatik, der Problemhintergründe mit ihren Resistenzen und der Kürze der Zeit, um diese zu bearbeiten, kommen mir diese Behandlungen oft wie der Versuch der Quadratur des Kreises vor. So bleibt häufig wenig Raum, die psychischen Konflikte so zu bearbeiten, dass sich der Wiederholungszwang so weit auflösen kann, dass er nicht immer wieder zu Krisensituationen führt. Trotz der eingeschränkten Bedingungen ist es vielen Klienten gelungen, ihren Weg neu zu finden. Viele sind aber auch gescheitert, manche haben ihr Leben verloren

In meiner psychoanalytischen Praxis konnte ich noch etwas anderes feststellen. Es kommt vor, dass Menschen nach einer typischen Suchtbehandlung zu mir kommen, um eine Analyse zu machen. Hierbei hat es mich und auch die Analysanten selbst oft erstaunt, dass in vielen Fällen erst in der Analyse die für die Sucht kardinalen Themen zur Sprache kamen, die in den vorhergehenden Behandlungen nicht oder nur oberflächlich berührt, aber nicht bearbeitet worden waren.

Wir sprechen von Abhängigkeit und fassen diese als problematisch auf. Aber ist Abhängigkeit nicht sogar lebensnotwendig und gehört von Anfang an zum menschlichen Leben? Durch die physiologische Vorzeitigkeit der Geburt sind wir für lange Zeit von einem realen anderen, der uns ernährt und versorgt, abhängig, abhängig aber auch davon, dass er uns als symbolischer Anderer die Sprache gibt und den Zugang zum sozialen Gesetz ermöglicht. Wir sind, um ein menschenwürdiges psychisches Leben haben zu können, von der Mutter, den Eltern, der Familie und der Gemeinschaft abhängig. Danach setzt eine Entwicklung ein, in der das Ausmaß des auf den andern Angewiesenseins im Verlaufe der Kindheit und Jugend zwar abnimmt, jedoch nicht aufhört. Am Anfang auf wenige Einzelne konzentriert, erweitert und verschiebt der Mensch seine Bezüge auf andere und anderes. Unter dem Gesichtspunkt der Abhängigkeit ist die Adoleszenz ein wichtiger Prüfstein dafür, ob es gelingt, erwachsen zu werden; das heißt in erster Linie, seinen Eltern und dem familiären Rahmen zu entwachsen, sich von diesen sowohl materiell als auch im Urteil zu lösen, um das eigene Begehren leben zu können. In Bezug auf die Not des Lebens stellt sich dann aber eine soziale und ökonomische Abhängigkeit her und in Bezug auf die Sexualtriebe die Abhängigkeit von neuen Liebesobjekten.

Wo diese ausbleiben, werden sie vermisst und ersehnt. Schon in dem Wort Sehnsucht klingt Sucht mit. Steht hinter jeder Sehnsucht eine Sucht oder ist Sucht eine Form von Sehnsucht? Wo wird Sehnsucht zur Sucht, wo setzen die Mechanismen von gebieterischem Zwang und schwer lösbarer Abhängigkeit ein? Wie kommt es, dass für einige aus der für alle lebensnotwendigen Abhängigkeit eine Sucht wird? Bei jedem Menschen gibt es Tendenzen zur Maßlosigkeit und den Wunsch nach Intensität des Erlebens. Die Einnahme von Rauschmitteln hat den Menschen seit je her zu diesem Zweck gedient und entstammt dem Wunsch nach Hochgefühl und Ekstase, nach Grenzerfahrung und Entgrenzung. Hat das, was schließlich zur Sucht werden kann, mit dem Wunsch zu tun, die Schranken der eigenen physischen, psychischen und sozialen Existenz zu überwinden?

Es gibt wohl nichts, dass nicht süchtig betrieben werden könnte. Sucht beschränkt sich nicht nur auf die bekannten Suchtmittel. Auch an sich unschädliche Nahrungsmittel und Tätigkeiten können schädliche Wirkung haben, wenn sie in unvernünftiger Weise gebraucht werden. Unter bestimmten Bedingungen kann jede Substanz und jede Tätigkeit die Funktion eines „Suchtmittels“ übernehmen. Gerade die nicht stoffgebundene Sucht zeigt deutlich, dass die pharmakologisch-toxische Wirkung der Suchtmittel nicht so spezifisch ist, wie allgemein angenommen wird; oft wird sie überschätzt. Auch das Aufgeben anderer Stoffe und das Aufgeben von Gewohnheiten oder Eigentümlichkeiten können ähnliche Schwierigkeiten und Ängste auslösen wie der Entzug eines Rauschmittels. Um den letzten Tropfen, das letzte Stück einer Tablette, eines Nahrungsmittels, eines Abführmittels kann ein Kampf stattfinden, wie ihn der Zwangsneurotiker beim Aufgeben des geringfügigsten Teils seines Zeremoniells führt.

Trotz vieler gemeinsamer Züge gibt es die Sucht nicht als eine einheitliche Form. Eine Alkoholabhängigkeit unterscheidet sich zwar von einer Drogenabhängigkeit, aber trotzdem gibt es den typischen Alkoholiker oder den typischen Drogenabhängigen nicht. Man hat seit langer Zeit versucht, verschiedene Typen von Abhängigen durch die Unterscheidung verschiedener Schweregrade der Abhängigkeit zu beschreiben. Bei den vielen Formen ist es sicher bedeutsam, um welche Art und Form einer Abhängigkeit es sich handelt; viel wichtiger aber ist die Frage, welche psychische Struktur der jeweiligen Sucht zugrunde liegt. Unter Struktur verstehe ich die von der Psychoanalyse unterschiedenen Strukturen von Neurose, Perversion oder Psychose.

Auch die inzwischen allgemein verbreitete Behauptung, dass Sucht eine Krankheit sei, trägt nicht viel zum Verständnis und für die Behandlung der Sucht bei; es handelt sich dabei in erster Linie um eine sozialrechtliche Unterscheidung, welche die Kostenübernahme für Suchtbehandlungen möglich macht. Die Tatsache, dass eine manifeste Sucht zu den schwersten Beeinträchtigungen des physischen, psychischen und sozialen Lebens führen kann, rechtfertigt nicht, sie als eine eigenständige Krankheit aufzufassen. Auch ein starkes Fieber kann das Leben bedrohen und ist doch nicht die Ursache der Bedrohung, sondern das Anzeichen, das Symptom eines Prozesses, das der Bedrohung Herr zu werden sucht. Gegenüber dem Krankheitsbegriff halte ich den Symptombegriff für das Verständnis der Sucht für sehr viel dienlicher, weil er die Frage nach den Gründen enthält, auf die das Symptom als ein zu dechiffrierendes Zeichen verweist. Die Frage nach der psychischen Struktur einer Sucht wird von der Behauptung einer eigenständigen Krankheit eher verdunkelt.


(Die allgemein gebräuchliche Definition von Sucht und Abhängigkeit nennt zwei Kriterien: den Abstinenzverlust, d. h. ein kontinuierlicher Gebrauch bzw. kontinuierliches Tun; und/oder den Kontrollverlust, d. h. mehr von dem gebrauchen oder tun zu müssen, als man möchte. Weiterhin unterscheidet man noch zwischen psychischer und physischer Abhängigkeit, wobei letztere, wie gesagt, oft überbewertet wird.

Zur Entstehung von Sucht- und Abhängigkeitsformen lässt sich folgende Grundthese formulieren: Abhängigkeit als zwangsmäßiges Tun tritt umso eher dann ein, wenn jemand sich über längere Zeit wiederholend durch eine Tätigkeit oder den Gebrauch eines Stoffes psychische, soziale oder körperliche Funktionen oder Sensationen ermöglicht, zu denen er sonst nicht oder nur mit erheblich höherem Aufwand in der Lage wäre und an die sein Lusterleben oder sein Genießen, seine Liebes- und Arbeitsfähigkeit gebunden sind.

Das Moment der Süchtigkeit kommt dabei in dem Zwang zum Ausdruck, der als willens- und wesensfremd empfunden werden kann. Der zweite Aspekt meiner Definition betrifft die Zeit, die Dauer und das Moment der Wiederholung. Im Zusammenspiel mit den andern genannten Faktoren erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, eine manifeste Abhängigkeit auszubilden, dadurch wirksam. Eine besondere Bedeutung hat die Frühzeitigkeit des Beginns eines intensiveren Rauschmittelgebrauchs während der Pubertät und Adoleszenz, wenn dieser andauert.

Ich möchte betonen, dass die Wahrscheinlichkeit eine manifeste Abhängigkeit auszubilden umso größer ist, je stärker und ausschließlicher jemand seine psychisch-sozialen Funktionen an eine besondere Tätigkeit oder an die Zuführung eines Stoffes bindet; wenn er dies tut, um seine Leistungsfähigkeit aufrecht zu erhalten, um Gefühlszustände wie Angst, Erregung, Traurigkeit zu ersetzen, um starke Hemmungen zu überwinden oder um Beziehungen aufzunehmen oder aufrechtzuerhalten. Es geht um eine Entwicklung, in der Konflikt- und Krisensituationen dann zur Dauer werden.

Dass es sich bei der Sucht um ein sich Vergnügen handelt, ist ein fragwürdiges Vorurteil, dem ein fragwürdiger Rückschluss von der Erfahrung des gewöhnlichen Umgangs mit Rauschmitteln auf den Zustand der Süchtigkeit zugrunde liegt. Er erfasst diese nicht in ihrer Tragweite, da er nur die berauschende Seite an ihr wahrnimmt und überbetont und den ihr zugehörenden, meistens als willens- und wesensfremd empfundenen Zwang übergeht. Eine spannende Frage für das Verständnis und die Behandlung von Sucht hinsichtlich des exzessiv treibenden Moments in ihr ist, ob dieses von einer nicht gelingenden Befriedigung aufgrund einer ungenügenden psychischen Repräsentierung der gereizten körperlichen Zonen herrührt. So ließe sich Sucht als der misslungene Versuch einer Symbolisierung begreifen und die besondere Fixierung und Wiederholung als Versuch, ein Gelingen herbeizuführen und dabei immer wieder zu scheitern. Das Scheitern oder die nicht hinreichende Symbolisierung kann unterschiedliche Ebenen der Subjektstrukturierung betreffen.

In dem Zwang zeigt sich, dass sich ein Geschehen verselbständigt, zu dem das Subjekt selbst wenig Zugang hat und gegen das es manchmal nur noch bis zur Erschöpfung ankämpfen kann. Es geht mir darum, eine Subjektspaltung hervorzuheben und nicht darum, zu bestreiten, dass mit der Sucht ein Genießen verbunden ist. Ganz im Gegenteil, gerade dieses zur Wiederholung zwingende Genießen und die Schwierigkeit des Subjekts, sich davon zu trennen, ist in seinem Status zu erfassen. Ich beziehe mich hier auf das () von Lacan herausgearbeitete Genießen, das eine andere Dimension als die des Vergnügens hat und sich jenseits der Lust, des Plaisirs, befindet. Von Freud bereits im „Jenseits des Lustprinzips” hervorgehoben, entdecken wir täglich in der psychoanalytischen Praxis, dass auch ein Leiden an den Symptomen mit einer unbewussten Befriedigung verbunden ist, die auf den Bahnen der Unlust stattfindet und allenfalls nur als solche erfahren wird.

In diesem Sinne möchte ich Sucht eher als eine Flucht vor einem unerträglich erscheinenden körperlichen oder seelischen Leiden beschreiben, das mit einer psychischen Struktur verbunden ist, in der das Subjekt dieses Leiden nicht mehr allein durch seinen Psychismus, sondern nur noch durch exzessives Handeln oder Substanzgebrauch kompensieren kann. Einerseits hat die Flucht die Funktion eines Reizschutzes durch Betäubung, um zu Vergessen oder unliebsame und unerträgliche Wahrnehmungen oder Erinnerungen abzuschneiden. Andererseits kann die Flucht in die Sucht vor diesem Hintergrund ein selbst geschaffenes Hochgefühl ermöglichen. Das Hochgefühl zielt auf die Herstellung eines ersehnten Zustandes, der das Subjekt über Unwohlsein, Entbehrungen oder Verlust hinwegtäuschen soll.

Viele Beschreibungen von Suchtverläufen verwenden das Bild der Spirale. Was als Ausweichen vor einem Konflikt oder als Verleugnung desselben begonnen hat, überschreitet in progredienter Weise immer weiter Grenzen und wird auch dadurch beschleunigt, dass das künstlich erzeugte Hochgefühl im Sinne einer sinkenden Lustkurve rückläufig ist. Man spricht hier von einer Toleranzsteigerung gegenüber dem Suchtmittel. So kommt es zu einem fortschreitenden Prozess, in dem trotz Frequenzerhöhung und Dosissteigerung sowohl die angestrebte Flucht wie auch das Hochgefühl immer weniger möglich sind und ganz entfallen können. Dieser fortschreitende Prozess löst oft folgenschwere psychisch zersetzende und körperlich bedrohliche Krisen aus, und das Suchtgeschehen spielt sich hauptsächlich im Kampf gegen den schmerzlich und bedrohlich empfundenen Entzug ab.

Wesentlich erscheint mir, dass Sucht sich gerade nicht auf ein zeitweise auftretendes Wohlbefinden durch die erfolgende Spannungsreduktion beschränkt, sondern zur Sucht gehört ebenso ein Umschlagen in das bedrohliche Gegenteil, hervorgerufen durch die Einnahme hoher Dosen und den Entzug. Ich denke, die Sucht lässt sich erfassen als ein sich in der Wiederholung erschöpfendes kreis- und spiralförmiges Durchlaufen des extremen Alternierens von vollkommener Anwesenheit und radikalem Fehlen des psychischen Objekts, das als verlorenes Objekt durch das Suchtmittel vertreten wird. Das bedeutet, die Tortur des Entzugs ist für die Aufrechterhaltung und die beschleunigende Wiederholung dieses Ablaufs mindestens ebenso konstitutiv wie der Kick selbst. (Das Alternieren von vollkommener Anwesenheit und radikalem Fehlen des Objekts, führt hier nicht zu einer Symbolisierung, wie sie von Freud und Lacan mit dem Fort – Da Spiel beschrieben wird.)

Für die Auseinandersetzung mit den psychischen Hintergründen der Sucht möchte ich nun einige in der Psychoanalyse herausgearbeitete Strukturen der Subjektentwicklung skizzieren, um aufzeigen zu können, in welcher Weise Sucht in diese eingreift.
Ich hatte bereits erwähnt, dass der Mensch infolge seiner anfänglichen Hilflosigkeit von einem ersten anderen, der Mutter, abhängig ist. Durch die Not des Lebens, ich beschränke mich hier auf den Hunger und den Durst, kommt das erste Befriedigungsobjekt ins Spiel. An die Bedürfnisbefriedigung lehnen sich Lusterfahrungen an. Jedes Mal, wenn das Bedürfnis neu auftritt, wird zunächst dieses Befriedigungsobjekt halluziniert, sozusagen eine Fantasie wachgerufen, die Befriedigung geträumt. Erst dadurch, dass das Bedürfnis weiter andauert, wird die Mutter durch den Schrei auf die Not des Kindes aufmerksam gemacht, die sie nur interpretieren und dann durch das reale Objekt des Bedürfnisses stillen kann. Es ist dabei von lebensnotwendiger Wichtigkeit, dass sie dieses mit Worten, Gesten und Berührungen begleitet, um so die psychische Repräsentierung dieses Objekts zu unterstützen.

Vorbereitet durch die An- und Abwesenheit der Mutter, führt die Trennung der Entwöhnung zum Objektverlust; dem Verlust der Brust und dem der Körper-an-Körpererfahrung bei der Ernährung. Es ist ein Teil seines eigenen Körpers, den das Kind verliert, als solches hatte es die Brust empfunden, da es sich nicht vom andern getrennt erleben konnte. Dadurch, dass der andere nicht mehr gewährt, was das Kind fordert, ist die Entwöhnung der psychisch wirksame Verlust einer ersten körperlichen Einheit. Bei all dem handelt es sich auch um eine Verdrängung der ersten Lustbezüge.

Mit dem am Beispiel der Entwöhnung skizzierten Verlust des oralen Objekts, das vom Körper abfällt, ein Verlust der auch für das Aufgeben anderer Triebobjekte - Kot, Phallus - Gültigkeit hat, möchte ich unterstreichen, dass es sich dabei um einen Verlust handelt, von dem ausgehend sich das Objekt als verlorenes konstituiert und Ursache des Begehrens wird. Angetrieben durch den unwiederbringlichen Verlust, kann das Begehren sich nur auf das Fantasma, auf die Fantasien stützen, durch die es das Objekt in jeweils neuen Formen wieder zu erreichen sucht. Nie wird im konkreten Objekt wieder gefunden, was gesucht wird; die konkreten, vorgefundenen Objekte sind jedoch von den Fantasien des verlorenen Objekts überlagert. Auf diese Weise hält sich die Hoffnung aufrecht, im konkreten Objekt, im anderen, das verlorene Objekt wieder finden zu können. Das, was ich in aller Kürze umrissen habe, liegt allen Bewegungen des Psychischen zugrunde. Gerade die Sucht stellt die Illusion dar, diese unüberbrückbare Kluft zu überspringen und das verlorene Objekt wieder erreichen zu können.

Die beschriebene Erfahrung des Verlustes der Brust führt dazu, dass das Kind versucht, seine Einheit auf einer neuen Ebene wieder zu finden, indem es sich mit dem Bild des anderen, in welchem etwas an das verlorene Objekt erinnert, identifiziert. Dadurch kommt auf der narzisstischen Ebene der andere als getrennte Gestalt ins Spiel. Über die Ähnlichkeit mit der Gestalt des anderen, der wie ein Spiegel funktioniert, stellt sich das Körperbild, das Selbstbild durch Identifizierung her, wie es von () Lacan im Spiegelstadium beschrieben wurde. Die Verlusterfahrung und die Tatsache, dass das Kind sich zuerst im anderen sieht, ist die Voraussetzung dafür, dass es sich als eigenes, als sich selbst wahrnehmen und schließlich als Ich bezeichnen kann. Mit dieser Identifizierung verschafft es sich – auch durch die symbolische, benennende Unterstützung des anderen - zu einer Zeit, in der es seinen Körper nur sehr unvollkommen beherrschen und gebrauchen kann, ein Idealbild, dem es von nun an zu- und nachstreben wird, um das zu erreichen, was ihm fehlt. Die narzisstische Identifizierung mit dem Bild des anderen ist zugleich die Grundlage seiner Liebe, mit der es wieder erreichen möchte, was ihm fehlt.

Die Eltern werden den Narzissmus des Kindes, das sich darin mit allen Vollkommenheiten ausgestattet sieht, zunächst stützen. Dieser Zustand kann so aber nicht andauern, würde er doch das Kind zum Gefangenen seines Narzissmus machen, wie Narziss Gefangener seines Spiegelbildes war. Die narzisstische Vorstellung von sich selbst kann es nur in dem Maße aufrechterhalten, wie ihm diese vom andern bestätigt wird; es genügt, dass der andere diese Ï Bestätigung einstellt, damit das Kind von seinem primären Narzissmut ablässt, jedoch nicht ohne den beständigen Versuch zu machen, ihn in Form eines dem anderen gemäßen Ideals wiederzugewinnen (Ideal-Ich).

Vor allem mit dem Fortschritt seiner Triebe, durch die Fähigkeit seinen Körper zu beherrschen und sich fortzubewegen, ist das Kind in eine neue Dimension eingetreten und hat die Fähigkeit erreicht, sich, andere und Objekte zu beschädigen, zu gefährden und zu zerstören. Auf dieser Ebene geht es nun um eine weitere Trennung und Entwöhnung. Die Eltern müssen dem Kind bestimmte Objekte und bestimmte Wege, sein Begehren zu realisieren, zu seinem Schutz oder dem seiner Umgebung untersagen. Es steht damit vor der komplexen Herausforderung, etwas zu wollen und gleichzeitig nicht wollen zu dürfen, etwas haben zu können und nicht haben zu können. Es kommt für das Kind durch das sprechende Handeln seiner Bezugspersonen zur Ausbildung der Instanz des „Nein” und der allmählichen Fähigkeit dieses Nein aktiv im Konflikt mit seinen Wünschen und Trieben zu gebrauchen. Dadurch dass die Eltern dem Kind mit dem was erlaubt und nicht erlaubt ist entgegenstehen, muss sich das Kind, um sich ihre Liebe zu erhalten, mit dieser Instanz des Nein, die das soziale Verbot trägt, identifizieren (Ich-Ideal). Hiermit wird ein sozialer und ethischer Bezug in das Selbstbild eingeführt. Besonders im Zusammenhang mit der Sucht erscheint es mir wichtig darauf hinzuweisen, dass auf diese Weise nicht nur die Identifizierung mit den Objekten der Liebe, sondern auch mit denen des Hasses und der Gewalt verinnerlicht werden, was dann zu den entsprechenden Konflikten der inneren Zerrissenheit führen kann, die die oben beschriebene Spiralbewegung der Sucht entscheidend mitbedingt.

Alle bewussten und unbewussten, freundlichen und feindseligen Regungen des Kindes in Bezug auf seine Eltern schreiben sich in den Oedipuskomplex, in eine Dreiecksstruktur ein; diese konfrontiert das Subjekt mit dem Problem des Geschlechtunterschieds und stellt den Zugang zur symbolischen Ordnung durch das Inzestverbot her. (Es geht dabei um das, was wir als väterliche Metapher, als Namen-des-Vaters bezeichnen.) Die Annahme des eigenen Geschlechts ermöglicht es, in Übereinstimmung damit sein Leben als Mann oder Frau zu leben. Dazu bedarf es der Anerkennung 1. des Mangels der Mutter, insofern diese über das Subjekt hinaus begehrend iÏst, 2. des eigenen Mangels, insofern man nicht als Phallus der Mutter ihren Mangel erfüllen kann und 3. des Mangels des Vaters, der, obwohl er den Phallus hat, selbst dem Gesetz des Inzestverbots unterliegt. Durch die Anerkennung der Kastration und die Identifizierung mit der symbolischen väterlichen Position ist das Subjekt aus den furchteinflößenden, verfolgerischen, imaginären Identifizierungen und der ihnen innewohnenden Aggressivität befreit. An dieser Stelle möchte ich nur festhalten, dass eine relative Befreiung aus diesen Abhängigkeiten nur in soweit gelingt, wie es jemandem möglich ist, seine Eltern, nicht ohne die entsprechende Trauer, als Liebesobjekte und vor allem als Hassobjekte aufzugeben. Dass dieses in Melancholie umschlagen kann, davon zeugen sowohl die Phänomene der Sehnsucht, wie die Erfahrungen der Sucht.

Alle Symptomstrukturen organisieren sich in Bezug auf das Durchlaufen des Oedipuskomplexes. Angesichts der Unmöglichkeit ihn vollständig zu lösen, ist die neurotische Struktur diejenige, die die drei zuvor genannten Momente des Oedipuskomplexes weitgehend integriert hat. In der Perversion misslingt auf eine bestimmte Weise die Identifizierung mit der väterlichen Position, so dass das Subjekt in eine Identifizierung mit der Mutter, beziehungsweise mit dem imaginären Phallus zurückfällt. Die Phobie situiert sich am Übergang vom zweiten zum dritten Moment und ist der Ersatz für das nicht erfolgte Eingreifen des Vaters, der das Kind von der Mutter trennt, das heißt, aus seiner Position des imaginären Phallus vertreibt (siehe hierzu die Kommentierung der Analyse des kleinen Hans in Lacans Sem. IV). In der Psychose ist die ödipale Struktur am brüchigsten und infolge einer Einschließung in dem ersten Moment völlig unzureichend realisiert.

Betonen möchte ich, dass die hier nacheinander skizzierten Gesichtspunkte - 1. des das Begehren strukturierenden Objektverlusts, 2. des das Verhältnis von Subjekt und anderem strukturierenden Narzissmus und 3. der symbolischen Strukturierung des Subjekts im Durchlaufen der ödipalen Struktur - im Wesentlichen nicht als ein zeitliches Nacheinander, sondern eher als ein gleichzeitiges Verwobensein zu begreifen sind. Mir ist es wichtig, im Zusammenhang dieser Phänomene auf die Spaltung des Subjekts durch Objektverlust und Idealbildung hinzuweisen. Der Andere als Vertreter des sozialen Gesetzes und als Inhaber eines eigenen Begehrens steht dem Begehren des Subjekts nach Vollkommenheit und Erfüllung entgegen. In diesem Zusammenhang lässt sich () Sucht – und damit komme ich zu einer weiteren zentralen These – als die Umgehung des dem eigenen Begehren entgegenstehenden Anderen, als Versuch eines kurzschlüssigen Genießens begreifen.

Ich möchte Ihnen nun den Verlauf einer konkreten Abhängigkeitsentwicklung darstellen. Eine Frau hat während der letzten zehn Jahre eine massive Alkoholabhängigkeit entwickelt. Bis zum Alter von fünf Jahren lebte sie mit ihren Eltern und Großeltern mütterlicherseits sowie mit der Familie einer Tante in einer deutschen Großstadt. Sie wird während dieser Zeit von ihrer Großmutter mütterlicherseits betreut. Ihr Vater studierte und arbeitete konsequent an seiner Karriere und wird später sehr erfolgreich sein. Ihre Mutter gab ihr Studium auf und arbeitete. Ihre Mutter hatte eine ältere Schwester, die eng an ihre eigene Mutter gebunden war, der Vater war Einzelkind. Sie hing sehr an ihrer Großmutter und beschreibt sich als ein zu dieser Zeit lebhaftes Kind mit gutem Kontakt zu Spielkameradinnen und den Kindern ihrer Tante. Diese ersten Jahre gaben ihr das Gefühl der Geborgenheit in einer großen Familie. Als sie drei ist, wird eine Schwester geboren.

Das Verhältnis der Eltern zueinander sei freundlich und harmonisch gewesen, auch weil die Mutter sich den ehrgeizigen Plänen des Vaters unterordnete. Der Vater habe immer wieder die Wichtigkeit der Familie betont und auf vollkommener Harmonie bestanden. Sie stellt einmal fest: „Ich glaube, er hat uns alle gewissermaßen als Verlängerung seiner selbst betrachtet“. Ihre Mutter sei sehr ehrlich, verständnisvoll und charmant gewesen und es gäbe gewisse Ähnlichkeiten zwischen ihnen. Die Aufmerksamkeit der Mutter sei ihr viel wichtiger gewesen als die des Vaters, aber sie habe sich von ihr abgelehnt gefühlt, ohne je den Grund dafür zu erfahren.

Als sie fünf Jahre alt ist, zieht die Familie für ein Jahr in eine ländliche, abgelegene Gegend – es wird ein Bruder geboren() – dann in die Nähe einer anderen größeren Stadt, wohnt aber so, dass sie bis auf einen Nachbarsjungen keinen Kontakt zu anderen Kindern oder Mitschülern hat. Sie vermisst hier die früheren freundschaftlichen Kontakte, von denen sie immer wieder träumt – wahrscheinlich vermisst sie auch die Großmutter. Eingeschult bekommt sie keinen Anschluss an andere, fühlt sich sehr einsam, und als Außenseiterin wird sie von den Jungen viel gehänselt. Dies ändert sich auch die ersten Jahre auf dem Gymnasium nicht. Sie findet sich plump und hässlich, während sie die Schönheit anderer Mädchen bewundert. Mit einem sehr negativen Bild von sich selbst fühlt sie sich von allen abgelehnt und ist erstaunt, als sie erfährt, dass ihre Mitschülerinnen sie nett finden. Sie knüpft eine enge Freundschaft mit einem Mädchen, das sehr beliebt bei den Jungen ist und frühzeitig Beziehungen hat. Im Schatten dieser Freundin glaubt sie, dass Jungen sich nicht für sie interessieren und himmelt einen von ihnen lange Zeit nur aus der Ferne an.

Im Alter von 5 – 6 Jahren scheint statt des Ödipuskomplexes fast eher ihre psychische Welt in einer gleichsam melancholischen Reaktion untergegangen zu sein. Aus ihrer bewussten Erinnerung sind ihre Eltern bezüglich dieser ganzen Zeit bis zur Pubertät fast vollständig verschwunden, so als wären sie nicht anwesend, während sie sich an andere Kontakte erinnern kann. Fast wie in einem Gegensatz zur dominanten Tönung ihrer Schilderung erinnert sie sehr viel später, dass es auch eine sehr vertrauliche Ebene mit dem Vater gab, der mit ihr wie mit einer Erwachsenen seine Eheprobleme besprach. Nur sehr vage weiß sie, dass sie während dieser Zeit oft krank war und von ihrem Vater untersucht und behandelt wurde. Irgendwann müsse sie ihrer Mutter angedeutet haben, dass er dabei zu weit ging, so dass dies aufhörte. Einen Jungen, in den sie sich zu Beginn der Pubertät verliebt, darf sie nicht wieder sehen. Der Vater verbietet es. Daraufhin wird sie sehr apathisch und ihre heutige Depressivität erinnert sie an den damaligen Gefühlszustand. Während ihrer Pubertät kommentiert und bewertet der Vater ständig ihre körperliche Entwicklung, berührt und bedrängt sie. Sie ekelt sich vor ihm, wird steif und stellt sich in seiner Nähe tot. Er hänselt sie auch, als sich ihre Figur verändert, woraufhin sie so lange stark abnimmt, bis ihre Regel ausbleibt, was sie ängstigt. Sie entdeckt dann später zufällig durch eine Erkrankung, dass auch Erbrechen das Gewicht reduzieren kann. Ihre Mutter verbietet ihr dies, sieht aber in der Folge darüber hinweg, und sie behält dieses Symptom über viele Jahre bei.

Mit der Mutter gibt es seit Beginn der Pubertät ständig massiven Streit, obwohl sie sich vornimmt, diesen zu vermeiden und lieb und nett zu ihr zu sein. Das Verhältnis zu einer Lehrerin ist das zu einer Ersatzmutter, von der sie sich ernst genommen fühlt und mit der sie ausführlich über ihre Probleme sprechen kann. () Ein Loch für einen Ohrstecker, das sie ohne Erlaubnis machen ließ, macht den Vater sehr böse, und er spricht mehrere Monate nicht mit ihr. Hatte sie einst unter seiner übertriebenen „Zuwendung“ gelitten, so schmerzte sie dieser Kontaktabbruch doch sehr. Sie bittet ihre Mutter, mit dem Vater zu sprechen, woraufhin dieser wieder anfängt sie zu bedrängen.

Als sie dreizehn Jahre alt ist, tötet sich ihre Tante mit Alkohol und Tabletten; die Großmutter folgt der Tochter auf dieselbe Weise einige Zeit später. Zu dieser Zeit betrinkt sie sich das erste Mal auf einer Party und kann sich nur noch daran erinnern, dass sie von sich aus ein Mädchen küsste und einen Jungen befriedigte, wofür sie sich dann nachträglich sehr schämt. Sie zieht sich zunächst wieder zurück und trinkt lange Zeit keinen Alkohol. Durch ihren Gewichtsverlust fühlt sie sich attraktiver, ihre Ausstrahlung verändert sich, sie stellt fest, dass sich Jungen für sie interessieren und fühlt sich ihrer Clique zugehörig. Auf die Freundschaft mit einem älteren Jungen ist sie sehr stolz () und ihr Ansehen steigt. Mit ihm spricht sie ausführlich über seine Exfreundin und seinen Trennungsschmerz von dieser. Ihr Vater entwertet ihre Freunde und die Spannungen zu ihren Eltern nehmen zu. Vor die Alternative Internat oder Auslandsaufenthalt gestellt, geht sie für ein Jahr in die USA, ist dort aber todunglücklich; trifft auf Ablehnung und hat Heimweh. Sehr erfolgreich steckt sie alle Energie in die Schule. Eine erste sexuelle Begegnung mit einem jungen Mann ist ein sehr positives Erlebnis. Während dieser Zeit im Ausland erfährt sie, dass ihre Mutter krank ist, und glaubt, ohne zu wissen worum es sich handelt, dass sie daran schuld sei.

Ihre Mutter hatte ihr Studium wieder aufgenommen, der Großvater war zum Pflegefall geworden. Als er stirbt bricht die Mutter zusammen und kommt wegen Depressionen in psychiatrische Behandlung. Die Tochter durchschaut diese Zusammenhänge nicht, gibt sich die Schuld daran und leidet nun unter einem chronischen Schuldgefühl, das zu der Haltung des „alles für die anderen“, um „es“ wieder gutzumachen führt; Selbstausbeutung und Ausgenutztwerden sind die Konsequenz. Kurz nach der Rückkehr aus den USA kommt es () zu einem heftigen Streit mit ihrem Vater. Sie traut sich zum ersten Mal Nein zu sagen. Er tobt und sagt sie solle ihre Sachen packen, was sie auch sofort tut.

Sie wohnt einige Zeit bei einem Mitschüler, dieser verliebt sich einseitig und sie wird wohnungslos. Von ihrer ehemals engen Freundin fühlt sie sich bedrängt, wehrt sich dagegen und distanziert sich. – Es muss offen bleiben, ob sie in dieser belastenden Situation des Bruchs mit den Eltern eine homoerotische Seite paranoid abwehrt. – In der Gegenwart eines neuen Freundes fühlt sie sich minderwertig, ist aber selbstbewusster und kann sich mitteilen, wenn sie zusammen Alkohol trinken. Danach hat sie ein Verhältnis mit einem Mann, den sie oft besucht und als sexsüchtig beschreibt. Ausgehungert nach Liebe lässt alles mit sich machen und nimmt in Kauf, dass dieser Mann mit vielen anderen Frauen schlief. Sie lernt einen neun Jahre älteren Mann kennen, findet eine kleine Wohnung und toleriert, dass auch dieser Mann andere Frauen hat. Nach kurzer Zeit, ist sie von ihm schwanger. Er plündert ihr Konto, verspielt die Miete, doch erst als sie ihn mit einer anderen Frau in der Wohnung antrifft, setzt sie ihn vor die Tür. Auf Anraten ihres Arztes und unter dem Druck ihrer Eltern findet eine Abtreibung statt, die sie sehr lange Zeit nicht verwindet.

Kurze Zeit später macht sie das Abitur. Dem Wunsch des Vaters, Medizin zu studieren, verweigert sie sich aus Rache. () Lange Zeit hat sie nur Kontakt zu ihrer Schwester. Sie reist viel, und auf ihrer Suche nach Nähe und Liebe hat sie wahllose sexuelle Beziehungen, in denen sie sofort wieder sprachlos wird. Sie macht eine Lehre in einem künstlerischen Beruf und lernt einen Mann kennen, von dem sie sich geliebt fühlt und an den sie sich tief emotional bindet. Jemanden nah zu sein, ohne sich klein und ohnmächtig zu fühlen, erscheint ihr wie ein Wunder, sie fühlt sich abhängig. Zum ersten Mal ist sie sehr eifersüchtig, und für sie bricht eine Welt zusammen, als eine andere Frau von ihrem Freund schwanger wird.

Es folgt ein Jahr seelischer Schmerzen und um schlafen zu können, trinkt sie jeden Abend eine Flasche Wein. Nun hat sie wieder eine sehr enge, idealisierte Freundin, von der sie lernt, über Gefühle zu sprechen. Sie arbeitet in einem Projekt, in das sie all ihre Energien steckt. In einer Beratungsstelle für Frauen mit sexuellen Missbrauchserfahrungen wird ein Zusammenhang zwischen ihren häufigen Dreier- Beziehungen und ihrem Verhältnis zu ihren Eltern hergestellt. – Inwieweit ihre Konflikte hier auf die Folie sexueller Missbrauch projiziert wurden und wieweit dieser tatsächlich gegangen ist nicht genau klar. – Jedenfalls bricht sie jeden Kontakt zu ihrem Vater ab und beginnt eine körperorientierte Therapie. Nach längerer Zeit des Alleinlebens zieht sie in eine Frauenwohngemeinschaft, findet sich aber nicht gut zurecht und erlebt Panikattacken, wenn sie andere in Nebenräumen reden und lachen hört. Panik als Symptom der Phobie scheint sie vor Paranoidem zu schützen, denn es folgt eine glücklichere Zeit des Alleinlebens, sie hat ihren Beruf und Freunde, ist aber ohne sexuelle Beziehung. Sie setzt große Hoffnungen in ihre Therapie, trinkt weiterhin regelmäßig zum Einschlafen zwei Flaschen Bier, die Bulimie hält an, allerdings weniger ausgeprägt als zuvor.

Als das Projekt, in dem sie sich engagiert hat, beendet werden muss, macht sie in einer anderen Stadt eine Lehre in einem Handwerksberuf, der eher eine männliche Domäne darstellt. Sie lebt hier mit einem viele Jahre älteren, eher autoritären Mann in einer Lebensgemeinschaft, kommt dort aber nicht gut zurecht. Beim Unterschreiben einer Empfangsbestätigung in Gegenwart von Männern überfallen sie wieder Panikattacken, die sich sehr schnell auf alle Lebensbereiche ausbreiten. Ihr Freund droht mit Trennung, und sie entdeckt, dass Alkohol die Angst reduziert. Nun trinkt sie regelmäßig Alkohol, woraufhin der Freund sich nach einiger Zeit tatsächlich von ihr trennt. Eine erste Entgiftungsbehandlung wird notwendig und sie ist ein Jahr abstinent. Sie macht eine Gespräch- und Verhaltenstherapie. Einige Jahre lebt sie mit einem drogenabhängigen Freund zusammen, Zeiten des Trinkens und der Abstinenz wechseln sich ab, die Panikattacken gehen langsam zurück. In einer Rückfallkrise bittet sie die Eltern um Hilfe, spricht sich mit ihnen aus und erwähnt zum ersten Mal diesen gegenüber, und auch in ihrer Therapie, ihre Essstörung, die danach verschwindet. Sie nimmt ein Studium in einem technischen Beruf auf und unterrichtet nebenher, um Geld zu verdienen. Rückfallkrisen führen zu einer Alkoholentwöhnungs-behandlung. Es folgen längere Zeiten der Abstinenz, durchbrochen von schweren Rückfallkrisen. Eine langfristige Behandlung führt tendenziell zu einer Stabilisierung, sie bekommt ein Kind, das sie überwiegend allein erzieht. Nach vielen Jahren lebt sie wieder in einer Partnerschaft, die ihre Rückfallkrisen zeitweise belasten.

An dieser Stelle möchte ich die Schilderung dieser Lebensgeschichte abbrechen, die ich ausgewählt habe, weil sich an ihr die Entwicklung einer manifesten Abhängigkeit sehr gut nachvollziehen lässt. Nach einer Zeit, die diese Frau rückblickend als geborgen und harmonisch beschreibt, erfolgt mit dem 5. Lebensjahr in Verbindung mit Umzügen ein Bruch. Sie fühlt sich einsam und als Außenseiterin, während der Latenzzeit findet ein Einbruch des Narzissmus statt, (). Dies(en) versucht sie durch erhöhte Leistungen zu kompensieren. Der erste Kontakt mit Alkohol im Alter von 13/14 Jahren führt zu einer heftigen Trunkenheit und zu einem massiven sexuellen Triebdurchbruch, der sie, ()wieder nüchtern, ()extrem befremdet. Sie weiß nicht, wieso sie diese „Dinge“ kannte und ausführte, ihr sind keinerlei sexuelle Erfahrungen bewusst. Allerdings hatte sie zwei Jahre zuvor mit einem Mädchen „Vergewaltigung gespielt“ und die Perversitäten des Vaters sind von Beginn der Pubertät an ()beschrieben. Interessant scheint mir auch der Zeitpunkt dieses Vorfalles, direkt nach dem Tod der Großmutter, der an den Tod der Tante erinnerte. Ich habe mich gefragt, inwieweit sie für die Mutter und für sich selbst unbewusst den Platz dieser Tante einnimmt. Ihr Gefühl, von der Mutter abgelehnt zu sein und die massiven Streitereien zwischen Mutter und Tochter fänden damit noch einen weiteren Grund als die verdeckte Rivalität zwischen beiden – und der Hass, den sie möglicherweise gegen die Mutter hat, weil diese sie nicht vor dem Vater schützte. – Inwieweit sich das Symptom der Bulimie genau nach dieser Erfahrung konstituierte, blieb ungeklärt.

In der Entwicklung ihrer Alkoholabhängigkeit lassen sich zunächst 3 unterschiedliche Momente ausmachen: sie sind in den Beziehungen zu Männern als Liebesobjekte zu finden. 1. Alkohol wird situativ eingesetzt, um mit einem Mann, mit dem sie eine Beziehung hat, sprechen zu können, 2. kontinuierlich, aber rituell begrenzt, als Schmerz- und Schlafmittel nach einer Trennung, die ihr überaus zu schaffen macht, und 3. kontinuierlich unbegrenzt, bis zum Absturz, um Panikattacken und den Verlust einer Beziehung zu überwinden.

Nach der durchaus positiven sexuellen Erfahrung mit einem Mann fühlt sie sich in einer folgenden, einige Monate dauernden sexuellen Beziehung, dem Freund gegenüber minderwertig und sehr gehemmt. Sie kann mit ihm über ihre Gefühle und die Beziehung nur sprechen(), wenn sie situativ Alkohol trinkt(). Kontinuierlich setzt sie Alkohol ein, als das Verhältnis zu einem Mann zerbricht, der sich auf der Ebene des Sprechens um sie bemühte und an den sie sich emotional tief gebunden hatte, ohne diese Hemmung zu verspüren. Alkohol, den sie nur abends trinkt, bekommt nun über einige Jahre die Funktion des Schlaf- und Schmerzmittels, eines Medikaments, um den seelischen Schmerz zu stillen. Man kann hier bereits von einer Alkoholabhängigkeit sprechen, bei der der Alkohol noch die Funktion erfüllt, das soziale und psychische Leben zu ermöglichen. Heftig auftretende Angst- und Panikattacken während einer Zeit, in der sie mit einem autoritären, erheblich älteren Mann in einem familienähnlichen Zusammenhang lebt, führen, um kompensiert zu werden, zu einem ständigen Alkoholkonsum und sehr schnell zu einer massiven und destruktiven Abhängigkeit. Ich finde es bemerkenswert, dass sich das Symptom der Bulimie auflöst, als sich die Alkoholabhängigkeit chronifiziert.

Die Entwicklung der Alkoholabhängigkeit () verweist auf die, ihre Eltern betreffende Amnesie der Kinderjahre, vornehmlich während der Latenzzeit. Dass ihre Mutter mit in diese Amnesie einbezogen ist, erklärt sich möglicherweise daraus, dass sie diese, um Konfliktlosigkeit bemüht, an der Seite des Vaters, als blind und „mit tauben Ohren“ erlebt hat. Diese Amnesie stellt sowohl für das Verständnis der Abhängigkeitsentwicklung wie auch für die Ausrichtung der Kur eine Herausforderung dar, bei der man entsprechend der freudschen Formulierung den Eindruck der „Annäherung an einen pathogenen Kern“ hat, von dem auch immer wieder die Wirkung ausgeht, die bereits erinnerten und bewusst gewordenen Erlebnisse erneut in die Verdrängung zu ziehen.

Besonders nach Rückfallkrisen treten in der Abstinenz stark depressiv gefärbte Zustände auf. Auch vor diesen Krisen sind emotionale Leere- und Sinnlosigkeitsgefühle vorhanden, doch erinnert das recht schnelle Umkippen der Abstinenz in einen Alkoholrückfall an den mit der ersten Alkoholerfahrung verbundenen Triebdurchbruch. In einer Hinsicht lassen sich diese depressiven Zustände als eine Identifizierung mit dem gleichen Symptom der Mutter, der gegenüber sie sich schuldig fühlt, im Sinne eines hysterischen Mechanismus auffassen. Ein weiterer identifikatorischer Zug lässt sich in der zum Teil ausgeprägt passiven Unterwerfungshaltung erkennen, die sie im Verhältnis der Mutter zum Vater wahrgenommen hat. Selbstanklage und -infragestellung begleiten die Depression und lassen sich als Umwandlung der früher mit der Mutter stattgefundenen Aggressionen, die mit der Liebe zu ihr verbunden sind, begreifen. Dass Sucht chronischer Selbstmord sei, der Mordimpulse verdeckt, scheint mir sowohl zu ihren Angst- und Panikattacken, als auch zu den früher aufgetretenen Aggressionen der Mutter gegenüber zu passen. Dem Vater konnte sie nie aggressiv begegnen. Auf dieser Ebene lässt sich ihre Sucht als „ein Schutz vor Depression“ und als ein Umschlagen in eine „alkoholische Manie“ begreifen, wie Simmel (1 – als Anmerkung) dies beschrieben hat.

Bedingt durch ein nicht hinreichend vertretenes und übertretenes Inzestverbot, sind beide Eltern für sie psychisch nicht hinreichend voneinander getrennt. Da die Mutter gegenüber dem Vater nicht genügend abgegrenzt ist, bleibt das Einnehmen der weiblichen Position bei der Tochter brüchig und es ist unklar, auf welcher Seite des Geschlechts sie sich einschreibt. In der initialen Situation küsst sie ein Mädchen und befriedigt einen Jungen. Andere Züge verweisen auf eine starke Idealisierung von Frauen und auf eine männliche Identifizierung.

Die Beziehung zum Vater wird von dessen, zum Teil sexuellen, Übertretungen dominiert, hinter denen ihre Liebeswünsche verschwinden – so war sie stolz, wenn sie ihn begleiten durfte, wenn er vertraulich mit ihr seine Eheprobleme erörterte und litt schmerzlich, wenn er sie strafend nicht mit ihr sprach. Der Vater nimmt seine spezifische väterliche Position nicht ein, da er als Vertreter des Gesetzes und zwar in erster Linie als Vertreter des Gesetzes des Inzestverbots, dem er selbst unterstellt ist, ausfällt. In seiner herrschsüchtigen Art ist er das Gesetz, in seinen Übertretungen des Inzestverbots fällt er aus seiner väterlichen Position heraus und wird zu einem triebhaften Mann, der seine Tochter auf ein seinem Genießen dienendes Befriedigungsobjekt, auf eine „Verlängerung seiner selbst“, reduziert. Die perversen Ansprüche des Vaters, die unterlassene Hilfeleistung der Mutter und ihre eigenen inzestuösen Wünsche scheinen sie lange Zeit in ein Genießen mit dem Vater einzuschließen, gegen das sie sich erst und nur teilweise mit dem Einsetzen der Pubertät wehren kann. Seine Annäherungen sind ihr zwar einerseits sehr unangenehm, aber andererseits stellt sie sich tot, ()erstarrt und wird zu seiner phallischen Verlängerung.

Treffend finde ich hier Charles Melmans Definition, der zufolge der Alkoholismus „ ... in überwiegender, demonstrativer und provokativer Art und Weise – um den Phallus herum organisiert...“ (2) ist. Der Alkoholismus weist eine hysterische, letztlich in der Perversion verankerte Struktur auf, „die sich um das Fantasma väterlicher Ohnmacht herum artikuliert“ und auf „dem Fantasma eines grenzenlosen Genießens des Anderen“ basiert (3)(1993, S. 237 ff., zitiert nach Nitzgen, Jahrbuch für Klinische Psychoanalyse Bd. II, Seite 219 ff.). Ich hatte bereits angedeutet, dass die Perversion wesentlich um die Verleugnung der Kastration, die das Begehren reguliert, zentriert ist und den Geschlechtsunterschied und die Frage nach dem Begehren der Mutter in Bezug auf den Vater betrifft. So ist bei dieser Frau deutlich, dass die Mutter ihr eigenes Begehren in Bezug auf ihren Mann nicht zeigt und ihrer Tochter gegenüber nicht bekräftigt. Sie überlässt die Tochter dem Vater in einer rätselhaften, begehrenslosen Komplizenschaft. Dies ist natürlich auch dadurch bedingt, dass der Vater seiner Frau im Verhältnis zur Tochter nicht den ihr gebührenden Platz einräumt oder einräumen kann. So ist das Funktionieren des ödipalen Dreiecks stark beeinträchtigt, mit der Folge einer Entfremdung in eine Dualität. All ihre zukünftigen Beziehungen, in denen „das grenzenlose Opfer des einen... untrennbar vom permanenten Aussaugen des anderen“ ist (4) (ebenda, S. 230), sind davon betroffen. Mit anderen Worten, wenn, wie in diesem Fall, das Inzestverbot() nicht hinreichend repräsentiert ist und somit das Begehren eingeschlossen bleibt, führt die Sucht zu einem unbegrenzten Genießen, in welcher der Alkohol an die Stelle des ursprünglichen Objekts tritt. In diesem Sinne könnte man sagen, dass ihre Beziehungen zu Männern deshalb so problematisch sind, weil sie sie letztlich nicht als von der zu ihrem Vater getrennt erleben kann. Insbesondere führen die nicht sprachlich repräsentierten körperlichen Begegnungen mit dem Vater zu einer extremen Hemmung im Sprechen. Dadurch, dass sie unbewusst an diesen Vater, von dem sie sich im realen Leben weitgehend abgewandt hat, gebunden bleibt, erklärt sich auch ihre starke aggressive Hemmung. In dieser fragilen Position sucht sie wieder die Nähe zur Mutter, wodurch ihr auch eine angemessene Abgrenzung von Frauen sehr schwer fällt. So könnte man sagen, dass sich diese Frau auf der Suche nach einem Weg zwischen unterschiedlichen Abhängigkeiten befindet, die für sie verschiedene Unmöglichkeiten darstellen.


Wie schwierig dies Unterfangen ist, können Sie daran ermessen, dass mit Rücksicht auf das, was das Subjekt ertragen konnte, in der zuvor geschilderten Lebensgeschichte eine Reihe von Fragen unter anderem bezüglich der Amnesie bisher im Dunkeln gelassen werden mussten.

So muss ich hinsichtlich der Frage des Status des sexuellen Missbrauchs mein Urteil bisher in der Schwebe halten, da nicht genau klar ist, wieweit dieser gegangen ist.

Hier schließen eine Reihe von Fragen an, beginnend damit, was wir als sexuellen Missbrauch aufzufassen, ohne damit einer vor Sexualmoral triefenden Auffassung Vorschub zu leisten, in der asexuelle, „unschuldige“ Kinder wieder erschaffen werden. Die Grenzziehung ist schwierig und lässt sich oft nicht durch die stattgefundene Handlung selbst entscheiden, da sie entscheidend davon abhängen kann, ob ein junger Mensch zu einer Handlung gedrängt wurde, die von einem Erwachsenen sexualisiert war. Manchmal muss man auch lange sein Urteil hinsichtlich der Frage von Ereignis und Phantasie in der Schwebe halten.

Einen Punkt möchte ich hier hervorheben, der m. E. von zentraler Bedeutung ist. Wie in jeder Analyse gilt für den Analytiker auch da, wo von sexuellem Missbrauch die Rede ist, in der phantasmatischen Struktur keine Partei zu ergreifen, das Problem des Inzests nicht moralisch aufzufassen und nicht moralisch zu verurteilen, damit eine mögliche unbewusste Beteiligung zur Sprache kommen kann. Auch wenn ein Subjekt denjenigen oder diejenige, der oder die einen Übergriff begangen hat anklagt, so liegt die Problematik des Inzests gerade in der sich aus ihm ergebenden Verwirrung; man kann den Inzest auch als die Erfüllung des Wunsches der Wünsche, des Verbotenen begreifen, als eine Verwirrung, die darin besteht, dass es unmöglich ist, nicht zu begehren, darin, dass wenn jemand berührt wird, es unmöglich ist nicht berührt, nicht erregt zu sein. Und wir wissen, welche Anstrengungen vom sich Versteifen bis zur phantasierten Flucht aus dem Raum – ein Vorgang der Isolierung – unternommen werden, um davon nichts wahrzunehmen und zu spüren. Dass dies nicht wirklich gelingt, zeigt sich daran, dass in diesem Zusammenhang in der Regel riesige pathogen wirkende Schuldgefühle hinsichtlich eines eigenen beteiligt und verantwortlich seins ins Spiel kommen. Dieses sich wegen einer tatsächlichen oder vermeintlichen Komplizenschaft schuldig fühlen, führt zum potenziell destruktiven Kernpunkt des Inzests, der ein Subjekt, dem (gegen seinen Willen) Lust oder Schmerz, gerade wenn es sich um ein Kind handelt, in völlige Verwirrung darüber führen kann, wo es selbst und wo der Andere ist, wo es anfängt und wo es aufhört, was es selbst und was der andere gewollt hat. Hier kann der Versuch, den Anderen auf dem Wege zum Genießen zu umgehen, die Entwicklung einer Sucht ihren Ausgangspunkt haben.

Zum Schluss möchte ich noch einige Überlegungen zur Handhabung der Behandlung im Zusammenhang mit einer Sucht anfügen. Zunächst eine allgemeine Bemerkung. In der Suchtberatung und Suchtbehandlung treffen wir immer wieder auch auf Klienten, die längere Psychoanalysen oder Psychotherapien gemacht haben, ohne dass dabei ihr latentes oder manifestes Suchtproblem eine Rolle gespielt hat. Teilweise, weil die Betreffenden dies versteckt haben, teilweise, weil dies Problem einfach übergangen wurde. In einzelnen Fällen sind manifeste Abhängigkeiten zum Beispiel von Alkohol im Sinne einer Symptomverschiebung erst während einer Behandlung entstanden, um auf diese Weise mit belastenden Erinnerungen fertig zu werden. Ich möchte mit dieser Bemerkung auf das Problem aufmerksam machen, das, wenn Suchtprobleme übergangen werden, Analysen oder therapeutische Behandlungen ein Loch bekommen können und auf merkwürdige Weise neutralisiert werden. Der Analytiker ist hier mit der Frage eines Widerstands und eines Agierens konfrontiert, in dem sich das Subjekt durch Betäubung auf eine ganz besonderer Weise von der Anerkennung des auftauchenden Materials ausschließt. Ich denke, dass es hier einer besonderen Aufmerksamkeit bedarf. Oft genügt es auf das Problem der Symptomverschiebung frühzeitig aufmerksam zu machen und Bemerkungen und Wahrnehmungen, die auf einen Suchtmittel- oder Medikamentenmissbrauch hinweisen, ebenso zu befragen und zu analysieren, wie alles übrige in die Analyse gebrachte Material. In Fällen manifester Abhängigkeit, in denen es z. B. durch exzessiven Suchtmittelgebrauch zu Unregelmäßigkeiten und Unterbrechungen in der Behandlung kommt oder kommen kann, kann es notwendig sein, jemanden zumindest für die Zeit der Behandlung vor die Wahl eines Verzichts zu stellen, damit diese fortgesetzt werden kann.

Im Zusammenhang mit meiner zentralen These Sucht als Versuch eines kurzschlüssigen Genießens, als die Umgehung, die Ausschließung des Anderen zu begreifen, fasse ich Suchtbehandlung in einem bestimmten Sinne als Substitutionsbehandlung auf, in der es darum geht, dass sich die Übertragung zunächst an die Stelle des Suchtmittels setzen und dessen bindende Funktion übernehmen kann. Von dem Gelingen dieser Substitution scheint mir die Möglichkeit und die Wirksamkeit einer symbolisierenden psychischen Arbeit abhängig zu sein, die den anderen so ins Spiel kommen lässt, dass kurzschlüssige Durchbrüche nicht mehr notwendig sind. Wenn im Zusammenhang mit Suchtbehandlungen von Entwöhnungsbehandlung gesprochen wird, so scheint die wirkliche Entwöhnung dann in der Arbeit an der Auflösung der Übertragung, mit all ihren Schwierigkeiten zu bestehen.

Die Wahl meiner Metapher vom Kurzschluss scheint die Behandlung als eine Isolierungstätigkeit nahe zu legen. Dabei geht es um die Frage, inwieweit die symbolisierende psychische Arbeit gegenüber einer Tendenz zum direkten Genießen genügend Schutz und psychische Widerstandsfähigkeit ermöglicht und wie viel Reaktionsbildung im Sinne einer zwanghaften Abwehr gegen überflutende innerpsychische Impulse es braucht, damit ein Subjekt sich selbst nicht zum Verschwinden bringt. Können Zwangsbildungen, z. B. in Form von Ritualisierungen auch durchaus ein Schutz gegen die Sucht und damit verbundene Triebdurchbrüche sein, um zunächst einmal aus einem eingefahrenen Suchtverlauf herauszukommen, so reichen sie aber wegen der einem Zwangsgeschehen innewohnenden Ambivalenz zur Lösung eines Suchtproblems nicht aus, da „Es“, das unbewusste Triebgeschehen sich häufig als stärker erweist. Insofern bleibt immer wieder, auch trotz der Gefahr drohender Rückfallkrisen, nur der Weg, auf die Analyse und die Anerkennung des Begehrens zu setzen.

(1) Simmel, E. (1930): Zum Problem von Zwang und Sucht. In: Psychoanalyse und ihre Anwendungen. Ausgewählte Schriften, hrsg. von L.M. Hermanns u. U. Schultz-Venrath, Fischer TB 1993, S. 116 (für Literaturverzeichnis: Ernst, S. 114-131)

(2) Melmans, Ch. (1973) zitiert nach Nitzgen, D. (2000) : Psychoanalyse des Alkoholismus. In: Jahrbuch für Klinische Psychoanalyse, Bd. II, Das Symptom, hrgs. von A. Michels u.a., edition diskord Tübingen, S. 219 – Die Arbeit von Charles Melmans „Essai pour clinique psychanalytique :L’Alcoolique“ ist in Scilicet 4, 1973, S. 161-166 erschienen (fürs Literaturverzeichnis: Nitzgen, Dieter , S. 217-240)

(3) Nitzgen, D. (2000): S. 220

(4) ebenda, S. 230


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